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GLOS
MdB
TIPP: Unter der Rubrik "Im Bild der Medien" finden Sie ein Exklusiv-Interview von Michael Glos MdB in der MAIN-POST vom 01.07.2011
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Presse

30.06.2011
„Große Koalition war ein Glücksfall“
Exklusiv-Interview mit der Heimatzeitung "Main-Post"

Das Gespräch führten Folker Quack, Manfred Schweidler und Norbert Hohler

Michael Glos: Mit sich im Reinen zieht der CSU-Bezirkschef am Ende seiner Amtszeit Bilanz. Im Exklusiv-Interview spricht er über die in der Politik bedrohten Werte wie Stetigkeit und Verlässlichkeit sowie seine Vorliebe für exotische Reisen.

Für die CSU in Unterfranken endet am Samstag eine erfolgreiche Ära: Auf dem Bezirksparteitag wird Michael Glos (66) nach 18 Jahren nicht mehr als Bezirksvorsitzender kandidieren, als designierter Nachfolger gilt Staatssekretär Gerhard Eck.

Im Exklusiv-Gespräch zieht der frühere Wirtschaftsminister Glos eine Bilanz seiner politischen Arbeit.


Frage: Herr Glos, seit 1976 gehören Sie dem Bundestag an, seit 1993 sind Sie Bezirksvorsitzender der CSU. An welchen Moment Ihrer politischen Laufbahn erinnern Sie sich am liebsten?

Michael Glos: An den Moment, als ich am 10. April 1976 überraschend zum Bundestagskandidaten der CSU im Wahlkreis Schwein-furt/Kitzingen nominiert worden bin. Ich hatte das angestrebt, aber eigentlich für unmöglich gehalten. Als ich dann mit einer Stimme Mehrheit nach Stichwahl gewählt war, ging die Arbeit richtig los. Ich musste viel Skepsis überwinden: Kann der das überhaupt? Kann der die Industriestadt Schweinfurt vertreten? Und jetzt mache ich einen Sprung: Bei der Nominierung im Sommer 2009 habe ich in geheimer Wahl keine einzige Gegenstimme, keine einzige Enthaltung gehabt.

Frage: War das auch Ihre letzte Nominierung?

Michael Glos: Die Frage stellt sich noch nicht. In meinem Alter kann man sich allerdings auch ein Leben ohne Berufspolitik vorstellen. Nicht nur seit meinem Rücktritt als Wirtschaftsminister ist mir bewusst: Man muss handeln, so lange man selbst Herr des Verfahrens ist.

Frage: Wobei Ihr Rücktritt als Wirtschaftsminister ebenso überraschend kam wie ihre Ernennung. War es das falsche Amt zum falschen Zeitpunkt, oder hat die Unterstützung der Partei gefehlt?

Michael Glos: Ich hatte nach meinem 60. Geburtstag nicht mehr mit einer Ministerberufung gerechnet. Wenn die Frage wäre, ob ich es noch mal tun würde, hätte ich nach den ersten sechs Monaten gesagt: Nein. Eine 80-Stunden-Woche, Kritik, Häme und rund 50 Ministerreisen mit großen Delegationen in alle Teile der Welt bleiben nicht nur in den Kleidern hängen. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Es war die politisch spannendste Zeit.

Frage: Trotzdem hatte man damals den Eindruck, dass Ihnen Lockerheit und Humor zeitweise abhanden gekommen sind.

Michael Glos: Aber nur kurzzeitig! Edmund Stoiber hat gesagt: Ironie wird nicht verstanden. Das gilt auch für Humor. Ich wusste das und habe mich trotzdem nicht dran gehalten. Im Berliner Medienbetrieb war es oft so: Selbst wenn der Gesprächspartner etwas als Ironie erkannte, wurde daraus ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, weil es sonst keine Agenturmeldung gewesen wäre. Und du denkst: Der Schuft hat genau gewusst, wie es gemeint war. Trotzdem war die Nachricht in der Welt.

Frage: Wie sind Sie mit all der Häme klargekommen?

Michael Glos:  Meine Frau hat mir sehr geholfen, auch viele Freunde und Mitarbeiter. Und es ist nicht gelungen, meinen Glauben an mich zu erschüttern. Von den letzten Bundeswirtschaftsministern bin ich der mit der längsten Amtszeit und die war sehr erfolgreich: Dass Deutschland die Finanz- und Wirtschaftskrise so gut überstanden hat, ist der Tatsache zu verdanken, dass wir im Parlament klare Mehrheiten hatten. Die Große Koalition wollte ich eigentlich nie, aber im Nachhinein betrachtet war sie ein Glücksfall für Deutschland. Wir konnten Entscheidungen mit Zweidrittelmehrheit rasch 'über den Tisch schieben'. Und die großen Rettungsschirme haben während der Finanz- und Wirtschaftskrise dazu geführt, dass das bereitgestellte Staatsgeld teilweise gar nicht erst genutzt werden musste.

Frage: Wer austeilt, muss auch einstecken. Haben Sie einen eigenen Spruch später bereut?

Michael Glos: Als Rot-Grün regierte, war ich sicher nicht immer zimperlich. So habe ich in einer erregten Parlamentsdebatte an die Adresse von Joschka Fischer gesagt: 'Sie sind Zuhälter, wenn man so will.' Dafür habe ich einen Ordnungsruf von Bundestagspräsident Thierse kassiert. Ich fühle mich immer noch als Opfer meiner fränkischen Ausdrucksweise. Man hätte sagen müssen: 'Das, was Sie getan haben, kann man auch als Zuhälterei bezeichnen.' Es ging damals um den hunderttausendfachen Missbrauch von deutschen Einreisevisa, womit auch das horizontale Gewerbe in Europa über Deutschland als Transitland versorgt worden ist.

Frage: Sie haben die Große Koalition gelobt für die richtigen Entscheidungen in der Wirtschafts- und Finanzkrise. Liegt es auch daran, dass die momentane Koalition so schlecht rüberkommt?

Michael Glos: Es gab zu hohe Erwartungen an Schwarz-Gelb. In der Großen Koalition wurde besser zusammengearbeitet als heute, aber wir haben den Fehler gemacht, so zu tun, als wenn man nur ungern zusammenarbeiten würde. Auch die Union hat dadurch signalisiert: Wenn wir erst eine Mehrheit mit der FDP haben, dann wird Unmögliches möglich. Daraus resultierten Erwartungen, die die jetzige Koalition nicht erfüllen kann. Und bei der FDP ist sehr spürbar, dass sie zu lange nicht in Regierungsverantwortung war.

Frage: Was hat sich in den 36 Jahren, die Sie dem Bundestag angehören, in der Politik geändert?

Michael Glos: Wir sind eine reife Demokratie in einem in Frieden wiedervereinigten Deutschland, das fest in die EU eingebunden ist. Wir haben keine feindlichen Nachbarn mehr und der Frieden in Europa ist selbstverständlich geworden. Alle im Bundestag vertretenen Parteien sind grundsätzlich koalitionsfähig. Die Gegensätze sind geringer. Aber auch die Zusammensetzung des Parlaments hat sich geändert. Es ist stärker als früher geprägt von jungen Karrieristen mit geringer Berufs- und Lebenserfahrung. Politische Karrieren verlaufen heute anders.

Frage: Wird es dadurch langweiliger?

Michael Glos: Ich denke schon. Parlamentsdebatten sind heute leider nicht mehr so lebendig wie früher. Das liegt auch daran, dass es an farbigen Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß, Herbert Wehner oder Joschka Fischer fehlt.

Frage: Werden sich, weil die Leute angepasster sind, nicht auch die Parteien immer ähnlicher? Alles drängt in die Mitte, keiner will mehr anecken.

Michael Glos: Das ist richtig und hat auch damit zu tun, dass die großen existenziellen Fragen gelöst scheinen. Ich habe mich damals der CSU angeschlossen, weil sie für die deutsche Wiedervereinigung stand, für das gemeinsame Europa, die Westbindung und insbesondere für die Soziale Marktwirtschaft von Ludwig Erhard, auf dessen Stuhl ich später sitzen durfte. Das waren zu der Zeit ja noch alles Grundfragen. Heute stellt sich die Frage der Marktwirtschaft nicht mehr – die ist praktisch unbestritten unter den demokratischen Parteien. Die Politik ist insgesamt beliebiger geworden, das gilt auch für meine Partei.

Frage: Kommen der Politik nicht auch immer mehr echte Konservative abhanden? Angela Merkel und Horst Seehofer sind es ja wohl nicht.

Michael Glos: Jedenfalls werden die Konservativen weniger. Werte wie Stetigkeit und Verlässlichkeit treten in den Hintergrund.

Frage: Macht es den momentanen Erfolg der Grünen aus, dass sie sehr glaubwürdig das vertreten, was sie an Zielen ausgegeben haben?

Michael Glos: Viele Ziele, die sie früh auf ihr Schild geschrieben hatten, sind erreicht und auch in anderen Parteien Gemeingut. Der allgemeine Wohlstand ist gestiegen. Inzwischen können sich mehr Menschen teurere, dafür aber umweltverträglichere Produkte leisten, weil sie über entsprechendes Einkommen verfügen. Mich beschäftigt aber auch heute: Kann die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb bestehen? Sind die Arbeitsplätze in Deutschland – besonders auch in meiner Heimat – sicher? Produzieren wir dauerhaft konkurrenzfähig? Da muss man auch an die Energiepreise denken.

Frage: Wenn Sie bald kürzertreten: Welches exotische Reiseziel wollen Sie dann entdecken?

Michael Glos: Ich habe sehr viel von der Welt gesehen. Zu meinem 65. Geburtstag habe ich – auch um Feiern zu entgehen – meiner Frau und mir eine Reise in die Antarktis gegönnt. Insofern habe ich mir diesen exotischen Traum schon erfüllt. Neu entdeckt habe ich inzwischen den Reiz, mit meinen Enkelkindern zu verreisen und ihnen ein Stück von der Welt zu zeigen. Das ist eine Art von Exotik, die ich mir noch lange wünsche.


Michael Glos

Am 14. Dezember 1944 wurde Glos in Brünnau (Lkr. Kitzingen) geboren. Die Familie ist seit Generationen im Müllerhandwerk tätig. 1968 absolvierte er die Meisterprüfung und übernahm den elterlichen Betrieb. Glos wohnt in Prichsenstadt, ist katholisch. Der 66-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine politische Laufbahn begann Glos 1972 als Gründungsvorsitzender des CSU-Ortsverbandes Prichsenstadt. 1976 zog er als damals jüngster Abgeordneter in den Bundestag ein. Von 1993 bis 2009 gehörte Glos dem CSU-Präsidium an, von 1993 bis 2005 war er Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Vom 22. November 2005 bis 10. Februar 2009 war Glos im Kabinett von Angela Merkel Bundesminister für Wirtschaft und Technologie in der Großen Koalition mit der SPD.

Am Samstag, 2. Juli, geht zumindest aus unterfränkischer Sicht eine Ära zu Ende: Nach 18 Jahren als Bezirksvorsitzender der CSU stellt sich Michael Glos beim Bezirksparteitag in Waigolshausen (Lkr. Schweinfurt) nicht mehr zur Wiederwahl. Einziger Kandidat bislang ist der Landtagsabgeordnete und Innenstaatssekretär Gerhard Eck aus Donnersdorf (Landkreis Schweinfurt).